Sendehinweis
Hirnschrittmacher gegen Zwänge und Tics - ein Kölner Gehirnchirurg bricht das Tabu und operiert Menschen mit psychischen Krankheiten, die bisher als unheilbar galten
Sendedatum
6.10.2005 um 19:00 Uhr im Wissensmagazin Galileo, Pro7
Sieben Jahre in Fesseln - der 24jährige Alexander muß vor sich selbst geschützt werden. Er leidet unter autoaggressiven Gedankenzwängen und Tics, die ihn minütlich heimsuchen - wäre er nicht am Bett fixiert, würde er sich schwer verletzen, mit Fäusten und Kopf an die Wände schlagen oder über unüberwindbar hohe Mauern zu springen versuchen. Die behandelnden Psychiater betrachten ihn als "austherapiert", zehn Jahre Medikamente und Psychotherapie haben nichts gebracht. Ein renommierter Kölner Neurochirurg, Prof. Volker Sturm, verspricht Heilung durch OP am Gehirn. Der Beitrag zeichnet Alexanders Schicksal nach und begleitet ihn vor, während und nach der OP. Wird er nach dem Eingriff ein Leben ohne Fesseln führen können?
Noch ist Prof. Sturm der einzige in Deutschland, der sich an die mit vielen Tabus besetzte "psychiatrische Chirurgie" wagt - denn die hat eine dunkle Geschichte, die bis in die dreißiger Jahre zurückreicht und in den siebziger Jahren in Skandalen endete. Mit der sogenannten "Lobotomie" verstümmelten Chirurgen, Psychiater und sogar medizinische Hilfskräfte das Gefühlsleben zehntausender Patienten. Aggressivität, Wahn, und Halluzinationen verschwanden, aber mit ihnen auch der innere Antrieb - viele Kranke vegetierten Jahrzehnte vor sich hin, leicht zu pflegen, aber nicht selbständig lebensfähig.
Die OP an Alexander ist rechtlich gesehen ein "Heilversuch" - das heißt, es gibt noch keinen sicheren Beweis dafür, dass sie hilft. Heilversuche dürfen nur bei Kranken angewandt werden, bei denen nnalle zugelassenen Therapieverfahren versagt haben. Sturm implantiert Alexander einen sogenaten "Hirnschrittmacher" an einer wichtigen Schaltstelle im Gehirn. Einer Schaltstelle, die nach Sturms Theorie in der Entstehung von Zwangsgedanken und Tics eine wesentliche Rolle spielt. Der Hirnschrittmacher sendet elektrische Impulse an diese Schaltstelle, unterbricht die Fortleitung von Nervenreizen - und soll so die Zwänge und Tics zum Verschwinden bringen. Hirnschrittmacher werden heute standardmäßig in der Behandlung von Parkinson-Patienten eingesetzt - in der psychiatrischen Chirurgie sind sie neu.
Sturms OP-Methode ist zwar nicht "zugelassen", aber es gibt schon Hinweise, dass sie wirkt: Außer Alexander hat er mittlerweile einen Patienten mit dem Gilles-de-la-Tourette-Syndrom erfolgreich operiert. Neun bisher als unheilbar geltende Patienten mit Zwangs- und Angsterkrankngen tragen heute ebenfalls einen Hirnschrittmacher - das Ergebnis: Fünf Patienten sind geheilt oder zumindest soweit gebessert, dass sie wieder normal leben können. Beflügelt vom Erfolg, will Sturm in noch in diesem Jahr eine Studie mit 16 Zwangskranken abschließen, mit Ergebnissen ist in etwa 8 Monaten zu rechnen - weitere Studien für das Gilles-de-la-Tourette-Syndrom und schwerste Depressionen sind in Planung.
Artikel Süddeutsche Zeitung 2004
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