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Süddeutsche Zeitung, Wissenschaft vom 27.10.1998:
Besessen vom eigenen Es
Tourette-Patienten leiden an einer organischen Krankheit,
die sich wie eine psychische Störung äußert
Es gibt Tage, an denen beißt Berthold Grave seine Frau. Wenn er durch die Oldenburger Fußgängerzone geht, schreit und grunzt er wie ein Tier, so daß andere Passanten erschrocken zusammenfahren. Dem Mann ist die Situation peinlich, noch während er die Laute ausstößt, doch unterdrücken kann er sie nicht.
Wie 40 000 Menschen in Deutschland leidet er am "Tourette-Syndrom", benannt nach dem französischen Nervenarzt George Gilles de la Tourette, der die Krankheit vor 100 Jahren entdeckte. Die ersten Anzeichen treten typischerweise schon in der Kindheit auf: Grave zum Beispiel begann im Alter von zehn Jahren, ständig mit dem Kopf zu rucken, als hingen ihm unsichtbare Haarsträhnen in die Augen. Einer Untersuchung zufolge, die Mary Robertson von der London Medical School auf dem ersten deutschen Tourette-Symposium in Hannover vorstellte, ist die Krankheit häufiger als vermutet. Demnach zeigen fast drei Prozent aller Schulkinder zumindest leichte Tourette-Anzeichen. Jungen sind " aus unbekannten Gründen " etwa neunmal so oft betroffen wie Mädchen. "Bei den meisten Kindern vergehen die Symptome nach einiger Zeit von selbst wieder", sagt Aribert Rothenberger von der Universitätsklinik in Göttingen. Bei etwa einem von 400 wird die Krankheit mit der Zeit aber immer schlimmer.
Fiepen und Grunzen
Vor allem in der Pubertät kommen dann weitere Zwangshandlungen hinzu. Als Charakteristikum gilt, daß gleichzeitig oder nacheinander mindestens zwei motorische und ein vokaler "Tick" auftreten. Die Betroffenen schneiden Grimassen, gehen unvermittelt in die Knie oder schleudern plötzlich ein Bein zur Seite. Sie fiepen, grunzen und räuspern sich; viele wiederholen zwanghaft einzelne Worte, die keinen Sinn ergeben. Berthold Grave hat als Jugendlicher immer das Wort "quech" herausgeschrien. Zwischen acht und 37 Prozent der Tourette-Patienten stoßen obszöne Ausdrücke hervor. "Diese Menschen können sich ganz normal unterhalten", sagt Kirsten Müller-Vahl von der Medizinischen Hochschule in Hannover, "doch mitten im Gespräch sagen sie plötzlich "Sau" oder "halt endlich die Schnauze, du Arschloch"." Warum es nie neutrale Worte sind oder nette Sätze wie "Ich mag dich" wisse man nicht.
Einige Tourette-Patienten berühren sich oder andere auch unvermittelt in der Genitalregion oder an der Brust. Zwischen 17 und 44 Prozent verletzen sich selbst, indem sie sich mit der Faust ins Gesicht schlagen, sich in die Augen fassen oder brennende Zigaretten auf der Haut ausdrücken. "Die Leute sind normal intelligent", sagt Aribert Rothenberger. Kirsten Müller-Vahl fallen bei ihren Patienten sogar immer wieder spezielle Begabungen auf: ein besonderes musisches Talent zum Beispiel oder ein ausgeprägtes Zahlengedächtnis.
Das Tourette-Syndrom ist eine organische Krankheit. Als Ursache vermuten Wissenschaftler einen Defekt im Dopaminsystem des Gehirns. Dopamin fungiert als Botenstoff, der Signale von einer Nervenzelle zur anderen weiterleitet. Bei Tourette-Patienten reagieren die Eiweißstoffe (Rezeptoren), an die das Dopamin andockt, überempfindlich. Medikamente, die Dopamin-Rezeptoren blockieren, können die Krankheit deshalb lindern. Allerdings haben solche Arzneimittel oft starke Nebenwirkungen, Sehstörungen etwa oder Depressionen. Kirsten Müller-Vahl untersucht derzeit in einer klinischen Studie, ob die Substanz Tetrahydrocannabinol aus Marihuana-Pflanzen das Tourette-Syndrom abschwächt. Einige ihrer Patienten haben nämlich die Erfahrung gemacht, daß Marihuana-Rauchen gegen die Krankheit hilft (Acta Psychiatrica Scandinavica, Bd. 97, S. 1, 1998). Die Wissenschaftlerin vermutet deshalb, daß bei Tourette-Kranken nicht nur die Dopamin- sondern auch die sogenannten Cannabinoid-Rezeptoren, an die sich die Inhaltsstoffe aus Marihuana anheften, fehlerhaft reagieren. Diese Eiweißstoffe sind vor allem in solchen Bereichen des Gehirns zu finden, die die Steuerung von Bewegungen aber auch bestimmte Verhaltensweisen kontrollieren " Vorgänge also, die bei Tourette-Patienten gestört sind.
Ticks vorm Arzt versteckt
Viele von ihnen werden gar nicht oder falsch behandelt, weil Ärzte die Krankheit oft nicht erkennen. Erschwert wird die Diagnose, weil manche Patienten ihre Ticks, wenn auch unter großer Anstrengung, für einige Zeit unterdrücken können " zum Beispiel während des Arztbesuchs. Ein bekannter amerikanischer Chirurg, der am Tourette-Syndrom leidet, kann sogar stundenlang konzentriert operieren. Erst wenn die Operation zu Ende ist, fängt er an, unkontrolliert zu schreien und mit den Gliedern zu zucken.
Informationen zum Tourette-Syndrom sind im Internet unter der Adresse http://www.tourette.de/ zu finden.
TINA BAIER
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