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Originalarbeit von Gilles De La Tourette - Fall VIII

Fallbeschreibung/Observation VIII
zur Verfügung gestellt von Professor A. Pitres (Bordeaux)
Übersetzung: Susanne Ohler und Hermann Krämer

Mlle (Mademoiselle) X..., 15 Jahre alt, verbrachte im Winter 1883 mehrere Monate in der hydrotherapeutischen Einrichtung Longchamps in Bordeaux. Sie wurde dort wegen choreiformer konvulsiver Störungen behandelt, die von brüskem und unfreiwilligem Aussprechen derber und obszöner Worte begleitet waren.

Mlle X... ist sehr intelligent. Sie lernt mühelos die Lektionen, die ihr von ihrer Lehrerin aufgegeben werden. Sie spielt gut Klavier. Mlle X... ist groß und kräftig; sie hat noch keine Menstruation.

Ihre Mutter hat keine nervlichen Störungen. Ihr Vater hat einen konvulsiven Gesichtstic, der jedoch keine Schmerzen verursacht. Sie hat eine sonderbare, fast geisteskranke Tante, die allein lebt und unter nervlichen Krisen leidet, zu Heißhungerattacken neigt und phasenweise zu Depressionen, in denen sie jegliches Sprechen verweigert.

Im Alter von neun Jahren begannen bei Mlle X... choreiforme Tics, die sich in der Art unregelmäßiger, brüsker Zuckungen in den Gliedmaßen und im Gesicht zeigten. Zur gleichen Zeit fing sie an, des öfteren bedeutungslose oder derbe Worte auszusprechen. Nach ein paar Monaten verschwanden diese Störungen, aber nach einem Jahr traten sie wieder auf. Die konvulsiven Zuckungen zeigten sich erneut, zunächst in den Schultern, dann in den Armen und schließlich im Gesicht. Begleitend dazu mußte sie gutturale undeutliche Laute von sich geben. Im Alter von 13 Jahren wurden aus diesen Lauten klar und deutlich vernehmbare Worte. Am häufigsten sagte die Kranke damals: 'Hau ab, hau ab, du Dummkopf.' Einige Zeit später häuften sich diese verbalen Entladungen, sie waren noch besser verständlich und wurden immer derber und ordinärer. Dieser Zustand blieb bis heute fast unverändert bestehen.

Mlle X... kommt aus einer sehr angesehenen Familie und erhielt eine vortreffliche Erziehung. Mlle X... war sehr oft mit ihrer Mutter zusammen, die sie mit einer überaus zärtlichen und konstanten Fürsorge umgab. Man fragt sich, wo und wie sie die Worte, die sie ausspricht, aufgenommen hat: "Herrgott noch mal, verdammt, Scheiße", etc. In Phasen der Ruhe gebraucht sie keine ihrer groben Ausdrücke.

Wenn Mlle X... sich in Gegenwart einer Person befindet, deren Blick sie verunsichert, kann sie mit der Kraft ihres Willens diese vokalen Tics unterdrücken und dadurch, daß sie die Lippen krampfhaft zusammenpresst, verhindern, dass man die Worte, die sie ausspricht, versteht; es ist dann nur eine Art von undeutlichem Murmeln zu hören. Aber sobald sie wieder allein ist, verfällt sie in eine ungewöhnlich wortreiche derbe Ausdrucksweise, die ein Charakteristikum ihres täglichen Sprachgebrauchs ist. Sie äußert diese Worte nie, ohne daß sich gleichzeitig eine Serie konvulsiver Zuckungen der Gesichtsmuskeln, der Schultern und des Rumpfes entlädt. Es treten jedoch häufiger auch ausschließlich konvulsive Zuckungen auf, ohne dass sie ein Wort sprechen muß. Wir stellten mehrere Male fest, dass sie diese Wortäußerungen durch starke Willensanstrengung unterdrücken konnte, so daß man sie nicht verstand.

Während des Schlafes hat sie keine krampfartigen muskulären Störungen, und spricht auch unfreiwillig keine Worte aus. Keine nennenswerten Sensibilitätsstörungen, keine Parese der Gliedmaßen.

Prof. Pitres schreibt uns am 27. Oktober: >>Bei Mlle de M... (Anmerkung d. Übersetzer: es handelt sich hier ebenfalls um Mlle X...) sind keine eindeutigen Symptome der Echolalie zu erkennen. Es ist auch so, daß in ihrem Beisein niemals diese vulgären Ausdrücke gebraucht wurden, die ihr so zu Eigen sind. Im Gegenteil, die Mutter der Kranken hat versucht, diese Ausdrücke durch unbedeutende, banale Worte zu ersetzen. Sie hat die Lehrerin aufgefordert, mehrmals täglich vor ihrer Tochter die Begriffe: 'Ah, mein Gott!' oder 'Mama!' auszurufen. Die Lehrerin kam dieser Aufgabe auch gewissenhaft nach, aber die Kranke hat die Ausdrücke, die man vor ihr ausrief, nicht wiederholt. <<

"Ein einziges Mal, so berichtet die Lehrerin, beobachtete sie echolale Symptome. An einem Abend im Jahre 1883, als Mlle X... sich gerade auszog, um schlafen zu gehen, begann ein Hund unter den Fenstern ihres Zimmers zu bellen. Sogleich fing sie an, das Bellen zu imitieren, und bis ein Uhr morgens konnte sie nicht schlafen, weil ihr ganzer Körper ständig von Muskelzuckungen geschüttelt wurde, die zusammen mit ihrem lauten Bellen auftraten, das genau dem des Hundes glich. Hier noch ein weiteres Kuriosum: Mlle X... hatte eine charakteristische Neigung, Gesten zu imitieren; auch ein eigenartiges Verhalten, das sie in besonderer Weise beeindruckt hatte, mußte sie nachahmen. Eines Tages, als ihre Lehrerin mit ihr über einen Jahrmarkt ging, sah sie einen Riesen aus Pappe (im Originaltext: Gargantua* en carton), dessen Mund sich regelmäßig öffnete und wieder schloß und alles verschlang, was man ihm hinhielt. Das Kind betrachtete einen Moment lang dieses Spektakel mit Erstaunen und während sie ihren Spaziergang fortsetzten, hörte sie nicht auf, den Mund zu öffnen und zu schließen, genauso wie sie es bei dem Pappriesen gesehen hatte."

*Gargantua: Held französischer Volkslegenden und Romanfigur in >Gargantua und Pantagruel< von Francois Rabelais (1494-1553), einem französischen Schriftsteller, Geistlichen und Arzt, der als der gelehrteste und zugleich volkstümlichste Autor seiner Zeit gilt. Der Roman über den Riesen Gargantua und seinen Sohn Pantagruel ist erfüllt von Lebensfreude und Phantasie, enthält Satiren über die Mönche, Theologen und Juristen seiner Zeit und wendet sich gegen Mißstände in Staat und Kirche.


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