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Originalarbeit von Gilles De La Tourette - Fall IV

Fallbeschreibung/Observation IV
Übersetzung: Marie-Anne Thivolle

Ch...., 24 Jahre alt, wurde in Evreux geboren und hat dort bis August 1883 gelebt. Im Mai 1884 besucht er im Hospiz der Salpêtrière die externe Sprechstunde von Professor Charcot.

Sein Vater - so erzählt er - sei an Typhus gestorben, seine Mutter und seine beiden Brüder seien bei guter Gesundheit. Ch... erfreut sich auch bester Gesundheit, ist ein großer, intelligenter Mann und als Amtsschreiber tätig. Er hat keinerlei Wahrnehmungsstörungen, sein Gesichtsfeld ist normal ausgeprägt; die Genitalien sind normal entwickelt und weisen keine Funktionsstörungen auf. Mit sechs hatte er die Masern, mit 13 eine fiebrige Darmerkrankung [in der zusammenfassenden Tabelle der neun Fallbeschreibungen wird diesbezüglich Flecktyphus vermutet - Anm. des Lektors].

Im Alter von acht oder neun Jahren traten ohne besondere Ursache unwillkürliche Bewegungen in der Gesichts- und Rumpfmuskulatur und in den Gliedmaßen auf. Diese Bewegungsstörungen nahmen von Jahr zu Jahr an Häufigkeit und Stärke zu und erreichten 1880 ihren Höhepunkt. Zu dieser Zeit stellte der Betroffene fest, dass er, wenn er einer Rede zuhörte oder an einer Besprechung teilnahm, einen unwiderstehlichen Drang empfand, ein Wort oder das Satzende zu wiederholen, dass ihn unmittelbar vorher in irgendeiner Weise beeindruckt hatte. Er musste seine ganze geistige Kraft und seinen ganzen Willen, die Konventionen zu wahren, einsetzen, um jenes Wort oder Satzende nicht zu laut zu wiederholen. Doch er bemerkte schon, dass manche Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung ihn sehr genau gehört hatten.

Beim Lesen kam es vor, dass er sich gezwungen fühlte, Worte oder Sätze, die ihm besonders aufgefallen waren, unbedingt auszusprechen; und wenn er allein war, erlaubte er sich, diesem Zwang zur Wiederholung nachzugeben. Er berichtete uns, dass all seine geistigen Kräfte in einem solchen Moment [auch bei Begegnungen mit Menschen - Anm. d. Lektors] von einem Wort oder Satz aufgesogen wurden, und sein Denken dermaßen beherrschte, dass er einem Gespräch nicht mehr folgen konnte. Das gehörte oder gelesene Wort bedrängte ihn, er musste es in regelmäßigen Abständen wiederholen, und dies immer unmittelbar nach einer dieser eigentümlichen Zuckungen, die ihn quälten und von denen wir jetzt berichten wollen.

Diese unwillkürlichen Bewegungen, die bei ihm schon vor sehr langer Zeit, und zwar vermutlich schon im Alter von acht oder neun Jahren, begonnen haben, zeigen sich unregelmäßig entweder im Bereich des ganzen Körpers oder nur in einem Körperteil; sie treten in sehr kurzen Abständen auf und zwar alle zwei bis drei Minuten, und nur im Schlaf, der im übrigen sehr gut ist, ist er ohne Symptome. Ihre Intensität und Frequenz steigern sich bei gewittriger Wetterlage oder wenn der Kranke mit Menschen zusammen ist, die ihm fremd sind; im Gegensatz dazu nehmen sie ab, wenn er sich sehr intensiv auf etwas Bestimmtes konzentriert, aber kurz darauf treten sie noch stärker auf als vorher und dabei wiederholt er das Wort, das auf den Gedanken Bezug nimmt, welcher davor seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hatte. Wenn er steht oder geht, springt er zwei oder drei Mal in die Höhe; diese Sprünge sind begleitet vom Heben oder Senken der Schultern. Die Arme sind in Unruhe, die Finger spreizen und schließen sich. Die Tics im Kopf- und Gesichtsbereich zeigen sich folgendermaßen: der Kopf neigt sich plötzlich zu der einen oder anderen Schulter, gleichzeitig wird ein Mundwinkel nach oben und außen gezogen; den Mund öffnet er weit, und wenn er ihn wieder schließt, schlägt er die Zähne heftig aufeinander. Dabei kommt es des öfteren vor, daß die Zunge verletzt (zerbissen) wird; sie ist in Folge dessen voller Narben, einmal hat er sich sogar ein Stück Zunge abgebissen; dadurch entstand eine ein Zentimeter breite und ziemlich tiefe Wunde.

Bis 1880 konnte der Kranke trotz seiner muskulären Zuckungen Gerichtsakten abschreiben und verfassen, er konnte also noch schreiben und zeichnen. Aber während dieses Jahres wurden seine Bewegungsstörungen so stark, dass er seine Tätigkeit aufgeben musste, weil es ihm fast ganz unmöglich geworden war, Schreibarbeiten zu verrichten. Sein seltsames Verhalten verhinderte es auch, dass er in einem Amtszimmer mit viel Publikumsverkehr arbeiten konnte, obwohl seine Bewegungen nichts Unanständiges hatten; er sprach auch nie Schimpfwörter aus. 1881 konnte er seine Tätigkeit wieder aufnehmen; seit zwei Monaten (März 1884) ist er gezwungen, seine Tätigkeit erneut zu unterbrechen: er kann nicht mehr gerade schreiben und macht Kleckse. Er vergisst auch, Akten zurückzubringen, denn ist seine Aufmerksamkeit erst einmal auf etwas gerichtet, so ist er ganz und gar davon besessen, und verliert alles andere aus dem Sinn. Wenn er jemandem eine Akte bringen soll, kann er seine motorischen Störungen so lange unter Kontrolle halten, bis er diese Aufgabe erledigt hat; aber sobald dies getan ist, treten seine Tics unkontrollierbar in Erscheinung und er wiederholt dazu immer wieder das Wort, das er gerade im Sinn hat; es wirkt wie eine besondere Art der Auflösung innerer Anspannung.

Dem Kranken, der sehr intelligent ist und seine Empfindungen sehr gut analysiert, ist nie aufgefallen, dass beispielsweise ein plötzliches Geräusch, eine Überraschung seinen Zustand verschlimmern können. Er stand nie unter dem Zwang, die Bewegungen eines Anderen imitieren zu müssen.

Wir sehen ihn mehrmals wieder, weil er dreimal in der Woche zur Salpêtrière kommt, um ein hydroelektrisches Bad [bain d'électricité statique*] zu nehmen, aber sein Zustand hatte sich anscheinend dadurch nicht gebessert, denn bis zum 24. Juli hatte er bereits mehr als drei Wochen seine Behandlungstermine nicht mehr wahrgenommen.

26. Juli: Ch... kommt wieder zur Elektrotherapie. Er wird über das Fieber befragt, an dem er mit 13 Jahren gelitten und das in seiner Erinnerung 15 Tage gedauert hat, aber er weiß nicht mehr, ob seine Bewegungsstörungen, die damals längst nicht so stark waren wie heute, während dieser fiebrigen Erkrankung abgeschwächt aufgetreten waren. Er glaubt dennoch bemerkt zu haben, dass sein Zustand sich mehrmals während leichter Fieberperioden gebessert habe.

* Anmerkung zu 'bain d'électricité statique':
nach Auskunft von Prof. Dr. Rothenberger (Göttingen) könnte es sich hierbei um eine den heutigen Stanger- und Vierzellenbädern vergleichbaren Therapieform gehandelt haben. Diese Bäderarten sind nach wie vor im aktuellen Therapieangebot vieler Krankenhäuser und Kureinrichtungen zu finden. Nachfolgend ein Auszug aus "Der Gesundheits-Brockhaus" (5. Auflage, 1999): "Bäder, hydroelektrische: Gleichstrombäder, bei denen der Strom über großflächige Elektroden in das Wasser geleitet wird. Je nach Lage und Schaltung der Elektroden können Verlauf und Dichte der Stromlinien verändert werden. Beim hydroelektrischen Vollbad, das in Spezialwannen erfolgt, durchfließt der Strom den ganzen Körper (-> Stangerbad). Beim Zellenbad tauchen nur die vier (Vierzellenbad) oder weniger Gliedmaßen in einzelne Wannen ein".


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