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Originalarbeit von Gilles De La Tourette - Fall III

Fallbeschreibung/Observation III.
Übersetzung: Steffi Binder

G. D..., 15 Jahre alt, stellt sich im Februar 1884 in der Sprechstunde von Prof. Charcot vor, der eine elektrotherapeutische Behandlung verschreibt. Sie soll in der Salpêtrière (Krankenhaus in Paris) erfolgen, wohin er uns zur Beobachtung überstellt wird. Er ist in Le Havre geboren, wo seine Eltern wohnen

Dem Vater und der Mutter, die wir von Zeit zu Zeit sehen, geht es gut: der Vater >klagt keinen bestimmten Vorfahren an<; die Mutter ist ein uneheliches Kind und hat ihren Vater nie kennengelernt; sie selbst war noch nicht verheiratet, als sie mit G. schwanger wurde; sie hatte, sagt sie, eine normale Schwangerschaft, die aber von der intensiven Wunschvorstellung geprägt war, ihre >wilde Ehe< durch eine Eheschließung zu legalisieren, was sie auch vor dem Ende der Schwangerschaft tat. Das Kind kam zum Termin, und in den nächsten Jahren bekam die Mutter noch zwei Töchter und einen Sohn, denen es heute sehr gut geht.

G. ist stets mit allem wünschenswerten Komfort aufgewachsen: sein Vater ist Reeder und besitzt ein Vermögen, welches es ihm erlaubt, seinem Kind die größtmögliche Fürsorge zukommen zu lassen. Der Junge ist normal entwickelt und hatte keine Kinderkrankheiten. Im Alter von 8 Jahren bemerkten die Eltern, dass er sehr sensibel wurde. Um das 9. Lebensjahr herum wurde G. im Unterricht heftig ausgeschimpft, da er in die Hose gemacht hatte, wofür er sich sehr schämte. Einige Zeit danach sah er einen Mann über die Gartenmauer entfliehen, die an das Elternhaus angrenzt, was eine große Angst in ihm auslöste. Ab diesem Zeitpunkt bemerkte die Mutter, dass ihr Kind häufig ungewöhnliche und eigenartige Bewegungen ausführte, bestehend aus schnellen Schleuderbewegungen des Kopfes und des Halses. Bald danach generalisierten sich seine motorischen Tics: im Gesichtsbereich entwickelte er die Neigung zu grimassieren; außerdem kamen Bewegungen der Arme hinzu sowie abwechselndes Zucken der linken und rechten Schulter. Plötzlich rannte das Kind los, warf sich auf die Knie, stand wieder auf und hatte dabei verschiedene Zuckungen. Alle diese motorischen Tics verschwanden während des Schlafes. Das Wachstum verlief normal. Das Kind blieb aber eher klein, obwohl die Eltern von großer Statur waren. Der allgemeine Gesundheitszustand war sehr gut.

Im Alter von 11 Jahren wurde G. einer Kräftigungstherapie unterzogen: er duschte zweimal pro Tag und machte Krankengymnastik. Unter dem Einfluss dieser Behandlung trat eine erhebliche Verbesserung ein: die Tics schwächten sich ab, ohne allerdings ganz zu verschwinden. Diese Besserung hielt ein Jahr an, die Bewegungsstörungen traten jedoch danach mit noch größerer Heftigkeit auf.

Anfang des Jahres 1883 kam eine Serie völlig neuer Symptome hinzu. Zeitgleich mit einem Tic mußte G. laut das Wort >Scheiße< aussprechen. Die Eltern glaubten an ein vorübergehendes Symptom, aber sie waren sehr erstaunt und betroffen, als in den schlimmsten Perioden der Krankheit zu dem Wort >Scheiße< noch das Wort >Blödmann< hinzukam. Scheiße, Blödmann, barsch und schnell ausgesprochen, begleiteten von nun an diese starken Bewegungsstörungen.

Ab diesem Zeitpunkt bleiben alle Behandlungen und Medikamente, die angewendet werden, ohne Erfolg. >Diese Erkrankung - schreibt Dr. Lafaurie (aus Le Havre) - widerstand allen Behandlungsversuchen, sowohl den medikamentösen als auch den hygienischen; der achtmonatige Aufenthalt des Kindes auf dem Land schien zunächst einen günstigen Einfluß zu haben, aber auch diese Maßnahme, sowie die Wassertherapie, die Krankengymnastik, Kaliumbromid und andere Beruhigungsmittel für das Nervensystem... alles ist letztendlich fehlgeschlagen (23. Februar 1884).<

Zu dieser Zeit kommt er mit seiner Mutter in die Sprechstunde zu M. Charcot. Wir wollen nicht weiter die Entwicklung der Bewegungsstörungen, die wir beschrieben haben, noch die gute allgemeine, völlig der Norm entsprechende Gesundheit des Kindes, das momentan schnell wächst, verfolgen, denn es ist nötig, die Aufmerksamkeit auf ein anderes Symptom zu richten. Während der Untersuchung kommt ihm das Wort >Charcot< zu Ohren, sogleich wiederholt er: >Charcot< und macht dabei gleichzeitig eine ruckartige Bewegung, die mal stärker und mal schwächer auftritt. Die Mutter teilt uns dann mit, dass das Kind in der Zeit, als es begann, Schimpfworte auszusprechen, ebenfalls anfing, Worte oder Satzenden ohne Sinn und Verstand zu wiederholen (Echolalie).

G. ist unfähig, das Herausstoßen dieser Worte zurückzuhalten, deshalb kann er, obwohl er in der Nähe des Krankenhauses wohnt, nicht alleine zur elektrotherapeutischen Behandlung gehen: eines Tages blieb er neben Kindern seines Alters stehen, die mit Murmeln spielten, und diese wurden wütend, als er >Scheiße< und >Blödmann< sagte, sie hielten dies für an sie gerichtete Beleidigungen und hätten ihn verprügelt, wenn man nicht eingegriffen hätte. Die Dame, bei der er wohnt, vertraut uns an, dass sie immer mit ihm zu Fuß zum Krankenhaus geht; denn im Bus hatte das Kind einmal durch derartige Äußerungen einen großen Ärger verursacht. Es ist unnütz zu sagen, daß alle Bitten, dies zu unterlassen, gescheitert sind.

Während der Monate März und April zeigt sich bei G., der weiterhin zur Dusch- und Elektrotherapie (électricité statique*) geht und der Anwendungen zur allgemeinen Kräftigung erhält, keinerlei Verbesserung. Gegen Mitte Mai zeichnet sich jedoch eine Beruhigung ab: die Bewegungen treten weniger häufig und weniger stark auf: die Schimpfworte werden nicht mehr so oft ausgesprochen. Es ist ihm möglich, ein wenig zu arbeiten (3 Std. pro Tag). G., dessen Ausbildung durch seine Krankheit stark vernachlässigt wurde, verbringt seine Zeit mit dem Lesen von Reiseberichten. Der Allgemeinzustand ist zufriedenstellend, er ist von wacher Intelligenz. Hin und wieder treten im Gesicht einige kleine Ekzeme auf, die aber nach kurzer Zeit wieder verschwinden.

Am 24. Juli sehen wir G. wieder, der therapeutisch nach wie vor in der gleichen Art und Weise betreut wird. Er klagt über eine größere Nervosität seit 15 Tagen. Das Wort >Scheiße<, das er nicht mehr auszusprechen gezwungen war, >meldet< sich wieder zurück: er sagt es, während er liest und ohne erkennbaren Grund; er wiederholt weiterhin - ein Symptom, das nie verschwunden war - das Ende eines Satzes oder ein Wort, das ihn beeindruckt hat. Er langweilt sich oft und möchte gerne nach Le Havre zurückkehren. Sein Allgemeinzustand ist immer noch sehr zufriedenstellend. Hinzuzufügen ist, dass bei ihm nie irgendeine Sensibilitätsstörung vorgelegen hat und auch die Prüfung des Augenhintergrundes und des Gesichtsfeldes erbrachte keine besonderen Ergebnisse.

26. Juli - G. erzählt uns, dass er vor ungefähr drei Monaten eine Angina hatte, die drei oder vier Tage dauerte; während dieser Erkrankung, die von Fieber begleitet war, waren die motorischen Störungen deutlich schwächer ausgeprägt und traten insgesamt viel weniger auf. Seit ungefähr zwei Wochen befindet er sich jedoch in einer nervlich anstrengenden Zeit: bei jedem Anlaß macht er Schüttelbewegungen und wiederholt laut alle Wörter, die mit dem Gedanken in Zusammenhang stehen, der ihn im Moment beschäftigt.

Während des Monats September 1884 holen die Eltern ihr Kind zurück nach Le Havre.

G. scheint diesen Wechsel gut vertragen zu haben. Als wir ihn im Oktober wiedersehen, zeigt er noch viele Tics im Bereich des Gesichtes und eine gewisse Tendenz zur Echolalie; aber er fühlt sich viel besser, und er fragt uns ständig, wann er zu seiner Familie zurückkehren könne. Von Zeit zu Zeit muß er noch das Wort >Scheiße< aussprechen.

Unveränderter Zustand, Ende November 1884.

* Anmerkung zum Begriff 'électricité statique':
Historische Beschreibungen dieser vor über 100 Jahren angewendeten Therapieform waren bisher nicht auffindbar. Nachfolgend aus heutiger Sicht die Einschätzung von Dr. Gerhart Müller-Römer, eines Experten auf dem Gebiet der Elektrotherapie: "Es ist sehr schwer, eine Nomenklatur zu finden, die genau zutrifft. Die in dem Text aus dem Jahr 1885 beschriebene Methode ist eben sehr alt bzw. besser gesagt veraltet und deswegen gibt es dafür meines Wissens keinen zutreffenden modernen Ausdruck. Die Behandlungsmethode 'electricité statique' kann man als 'statische Entladung' erklären, wobei bei diesem Vorgang ein mit hoher Spannung aufgeladener Kondensator dann eben am Körper des Patienten entladen wurde."


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