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Originalarbeit von Gilles De La Tourette - Fall II

Observation/Fallbeschreibung II
Übersetzung: Ute Boldt, Sarah Schimanski, Susanne Ohler und Hermann Krämer

S. J..., geboren am 1. Juli 1864 in Le Havre, angestellt als Buchhalter bei einem Straßenbauamt. Der Vater ist gesund, die Mutter litt früher unter Tuberkulose. Eine Tochter hat sie durch Lungentuberkulose verloren, vier andere Kinder sind jung gestorben, drei weitere Kinder sind gesund. Bei den Eltern sind weder Erkrankungen des Nervensystems noch Syphilis oder eine Neigung zum Alkoholismus bekannt. Sie sind kleine Geschäftsleute und haben es anscheinend zu bescheidenem Wohlstand gebracht.

S... war während seiner Kindheit nie krank, er war sehr intelligent und errang alle Preise in seiner Klasse. In der letzten Schulklasse hat er den Ehrenpreis (le prix d'honneur) erhalten; in dieser Zeit (Juli 1880) fiel seinem Lehrer auf, daß er die rechte Schulter und den rechten Arm manchmal mit kleinen abrupten und unwillkürlichen Bewegungen anhob.

Kurz danach begann er in einem Büro zu arbeiten und konnte trotz dieser motorischen Störungen schreiben, mußte aber ab Januar/Februar 1881 jegliche Tätigkeit aufgeben. Diese Bewegungsstörungen neigten zur Generalisierung: sie traten zunächst im rechten Bein auf, und im Juni (1881) griffen sie auch auf die linke Seite über. Im Januar desselben Jahres tauchte außerdem noch ein anderes Phänomen auf: unwillkürlich und zusammen mit diesen Bewegungen stieß S... einen schwachen unartikulierten Schrei aus, der wie hem! oder ouah! klang und laut genug war, um von den Personen in seiner Umgebung genau wahrgenommen zu werden.

S... konsultierte Herrn Dr. Gibert (Le Havre), der ihm kräftigende Ernährung empfahl und Hydrotherapie verordnete. Dieser Empfehlung bzw. Verordnung kam der Kranke, da er keinerlei Besserung verspürte, nur sehr unregelmäßig nach. Während des gesamten Jahres 1881 und bis zum Oktober 1882, dem Monat, in dem der Kranke in die Salpêtrière aufgenommen wurde (Station Bouvier, unter Leitung von Prof. Charcot), verschlimmerten sich die Bewegungsstörungen und die Lautäußerungen.

Für diesen Zeitraum kann folgendes festgehalten werden: 17 Jahre alt, groß, ziemlich schlank, von exzellenter allgemeiner Gesundheit; er ißt gut, schläft gut, hat keine Beschwerden; von sanfter und schüchterner Wesensart; Puls 82: leichte Kurzatmigkeit, keine Verletzungen; der Kranke litt übrigens nie an Rheumatismus. Ohne erkennbaren Anlaß führt S. eine Reihe ganz merkwürdiger Bewegungen aus, lokalisiert und generalisiert, die sich manchmal nur auf einer Körperseite, manchmal auf beiden Körperseiten zeigen. Diese Bewegungen äußern sich in schneller Abfolge: am Kopf betreffen sie die Muskeln der Stirn, des Epikraniums, der Ohrmuschel und des Mundwinkels, der schnell nach oben und außen gezogen wird; bei den Grimassierungen des Kranken sind weder die Augen noch die Zunge beteiligt. Einhergehend mit diesen Grimassen kommt es häufig zu schnellem Schlenkern und Anheben der Arme und gleichzeitig zu abwechselndem Strecken und Beugen der Beine, meistens auf der rechten Seite; der rechte Fuß wird mit Kraft auf den Boden gestampft. Wenn diese bizarren Bewegungsstörungen in ihrer Intensität auf dem Höhepunkt angelangt sind, stößt S... einen rauhen und unartikulierten Schrei aus. Diese Phänomene, die manchmal gehäuft auftreten, werden besonders durch Aufregung hervorgerufen: der Schlaf, der sehr gut ist, läßt sie völlig verschwinden. Es vergeht jedoch kein Tag, nicht einmal eine halbe Stunde, ohne daß sie sich zeigen; sie behindern auch die Nahrungsaufnahme insofern, als die Benutzung eines Glases oder einer Gabel durch das Auftreten dieser Zuckungen manchmal sehr stark behindert wird.

Kurz nach seiner Aufnahme in das Krankenhaus und dank einer dort erfolgten umfangreichen Untersuchung, bemerkten wir bald ein besonderes Phänomen. Der Schrei, den S... ausstieß, mündete unter gewissen Umständen in eine noch speziellere Symptomatik: während das ouah! ouah! weiterhin unverändert auftrat, wiederholte der Kranke jetzt Worte und sogar kurze Sätze, die er gehört hatte: "Hier ist M. Charcot" - "Charcot" wiederholte er sofort, wobei er seine üblichen Bewegungen ausführte. Anschließend fügte er noch hinzu "Ah! Hier ist M. Charcot, M. Charcot, M. Charcot"; und das alles begleitet von Grimassen und Verrenkungen.

Außer derartigen Namensäußerungen, die mit lauter Stimme gesprochen wurden, und ohne dass der Kranke es vermeiden konnte, gab es noch Gedanken (die ihm in den Sinn kamen und mit denen er alltägliche Situationen kommentierte – Anm. der Übers.), die er ebenfalls aussprechen mußte. Eines Tages hörte S... den Leiter des Pflegeheimes zu einer Hausmeisterin sagen, dass sie ihrem Dienst nicht sorgfältig genug nachginge: sogleich wiederholte er laut, verbunden mit Zuckungen: "Ah, die Kuh, sie tut ihren Dienst nicht, ihren Dienst..."

Wir legen Wert auf die Benennung dieser ordinären Ausdrucksweise, weil bei S... der unflätige Charakter der Wörter und Sätze, die die Gesten begleiten, konstant ist. Wenn der Kranke sich weder durch ein Wort noch eine Situation veranlasst fühlt, sich in dieser Art und Weise zu äußern, treten seine Verrenkungen oft zusammen mit dem Zwang auf, das Wort Scheiße aussprechen zu müssen - einerlei vor welchem Publikum. Er drückt auch eine alltägliche Begebenheit auf ordinäre Art aus: Herr X... kommt in den Raum zurück: "Ah! Da ist ja dieser alte A... von Herr X..., dieser alte A...!" - all das wird sehr schnell ausgesprochen, und das sogar vor einem Menschen, vor dem er den größten Respekt haben sollte und auch hat. Eine Dame kommt zurück in den Raum: "Ah! Die Kuh: ich sie ... sie muss haben", etc.; er spricht zwei oder drei kurze Sätze, wie es unanständiger nicht geht, begleitet von extremen Tics und Verrenkungen, mit Bewegungen der Arme, verbunden mit wiederholtem Aufstehen und Hinsetzen, Hochziehen der Schultern und den Kopf nach vorne und zur Seite neigend. Diese Äußerungen sind dermaßen unkontrollierbar, dass es ihm sogar passiert, sie gegenüber seiner Mutter, die er sehr mag, aussprechen zu müssen. Eines Tages, als er mal ausgegangen war, war er gezwungen, ein Restaurant zu verlassen, weil die Stammgäste an seinen lauten lasziven Äußerungen Anstoß nahmen. Es wäre noch hinzuzufügen, dass seine Gesten nichts Unanständiges an sich hatten. S... konnte sich außerdem des Zwangs nicht erwehren, Gesten zu imitieren, jedoch in schwächerem Ausmaß als er aufgeschnappte Worte imitieren mußte. S... war im Hof der Salpêtrière: X... kam auf ihn zu: "Ah! ah! X.., X... Scheiße, Scheiße" sagte S..., wobei er die Arme abwechselnd in die Luft hob und wieder senkte und gleichzeitig das rechte Bein ziemlich stark anhob. Wenn sich diese komplexen Störungen mal nicht zeigten, machten X... und viele andere sich einen Spaß daraus und wiederholten seine Gesten und Worte. Nun war der Imitationszwang bei S... so stark, dass er beim Heben der Arme und des rechten Beines strauchelte und zu Boden fiel, jedoch ohne sich zu verletzen.

Gegen Mai/Juni machte S... im Pflegeheim die Bekanntschaft einer Person, mit der er regelmäßig Kontakt hatte. In dieser Zeit verschlimmerte sich sein Zustand, den wir hier beschrieben haben, und zwar wegen der Hindernisse, die man dieser Verbindung in den Weg stellte. Vorher verfügte er zeitweise über genügend Selbstkontrolle, um die genannten vulgären Wörter nicht aussprechen zu müssen; jetzt aber traten die Gesten und Worte in ungewohnter Vielfalt und Häufigkeit auf.

In dieser Verfassung und nach sehr unregelmäßig aufgesuchten Behandlungen, die dadurch wirkungslos geblieben waren, kehrte der Kranke am 1. Juli 1883 zu seiner Familie zurück. Nachdem er in Le Havre angekommen war, verfiel er mehrmals in tiefe Depression, sodass er daran dachte, sein Vaterhaus zu verlassen, um nach Paris zurückzukehren. Bis zum Ende des Jahres 1883 zeigte sich keinerlei Besserung, doch nach und nach entwickelte sich etwa im Januar 1884 eine gewisse Beruhigung; unmerklich besserten sich die Phänomene, die an einem Höhepunkt angelangt schienen. Hier nun anschließend die Beschreibung des Zustandes, in dem wir S... am 15. Juli 1884 in Le Havre bei seiner Familie antrafen. Wir vervollständigen diesen Bericht mittels spezieller Dokumente, in die uns sein Vater und seine Mutter während seiner Abwesenheit Einsicht gewährten.

S... hat unmerklich die Angewohnheit verloren, unflätige Wörter auszusprechen, aber er leidet immer noch an Echolalie; wenn man ihn auf der Straße ruft, kann er nur selten dem Drang widerstehen, seinen eigenen Namen wiederholen zu müssen. Die komplexen, unkoordinierten Bewegungen sind ebenfalls verschwunden, sie treten lediglich noch im Bereich des rechten Armes auf; es zeigen sich zudem rasche Bewegungen des Ringmuskels (Musculi orbicularis occuli) beider Augen und schließlich, was bei seinem Krankenhausaufenthalt nicht vermerkt worden war, schnellt die Zunge von Zeit zu Zeit mehrmals nach vorne und wieder zurück. Alle Gemütsbewegungen wirken sehr stark auf ihn ein: er hüpft, sagt seine Mutter, wenn man ihn ruft, und obwohl die Verbesserung seines Zustandes deutlich sichtbar ist, konnte er seinen Beruf noch nicht wieder aufnehmen. Sein Allgemeinbefinden ist hervorragend, die Intelligenz ist klar und lebhaft. S... hat sich, seine endgültige Heilung erwartend, einen gewissen Müßiggang zugelegt und bummelt herum.

Seitdem er wieder in Le Havre lebt, hat er sich keiner Behandlung mehr unterzogen und bringt die Besserung seiner Symptome mit dem großen Kummer in Verbindung, unter dem er mehrere Monate gelitten hatte.*[Anm] Er spricht von der Salpêtrière nur noch mit sehr guten Worten ebenso von den Personen, die ihn gepflegt haben und für die er, wie er uns mit Aufrichtigkeit erzählt, die größte Anerkennung empfindet. Es besteht bei ihm keine Störung des Empfindungsvermögens, das Herz ist gesund, das Gesichtsfeld ist normal.

* Anmerkung der Übersetzer:
Zunächst wird in dieser Fallbeschreibung davon berichtet, daß sich der Zustand von S. verschlimmerte, als der Versuch unternommen wurde, seine Bekanntschaft zu einer Person im Pflegeheim zu verhindern. Hier in dieser Textpassage sieht S. nun gerade den daraus entstandenen Kummer als Ursache für die Besserung seiner Symptome. Das könnte auf den ersten Blick als Widerspruch erscheinen. Es ist jedoch durchaus vorstellbar, daß die nach der anfänglichen Empörung entstandene große Traurigkeit für S. eine gravierende emotionale Ablenkung bedeutete und zusammen mit der resignierten Tolerierung dieser schmerzlichen Erfahrung zu einer Reduzierung der Symptomatik geführt hat (starke Ablenkungsreize werden in der Fachliteratur als zumindest temporär tic-reduzierend beschrieben). Da der weitere Verlauf der Krankheitsgeschichte des Patienten S. nicht vorliegt, ist keine Aussage darüber möglich, ob die Besserung der Symptome von Dauer oder nur vorübergehender Natur war.

Hinweis:
der erste Teil dieser Ausführungen wurde von M. P. Marie (chef de clinique de M. Charcot) niedergeschrieben; wo dieser allerdings genau endet, geht aus dem Original nicht hervor.


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