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Originalarbeit von Gilles De La Tourette - Fall I

Beobachtung/Fallbeschreibung I. - Erster Teil
Übersetzung Prof. Dr. A. Rothenberger

Frau von D. ..., derzeit 26 Jahre, war im Alter von 7 Jahren betroffen von krampfhaften Kontraktionen der Hand- und Armmuskeln, die sich vor allem in den Augenblicken einstellten, in denen das Kind versuchte zu schreiben und wobei sich sehr abrupt seine Hand von den Buchstaben, die es gerade schreiben wollte, wegzog. Nach diesem Rucken wurden die Bewegungen seiner Hand wieder regulär und waren dem Willen unterworfen, bis daß eine andere plötzliche Zuckung die Arbeit der Hand von neuem unterbrach. Man sah in dem ganzen zuerst nur eine Art Lebhaftigkeit oder Übermut, die, als sie sich mehr und mehr wiederholten, zum Grund für Tadel und Bestrafung wurden. Aber bald gewann man die Gewißheit, daß diese Bewegungen unwillkürlich und krampfhaft waren, und man sah daran auch die Muskulatur der Schultern, des Halses und des Gesichtes teilnehmen. Es kam zu Körperverdrehungen und außerordentlichen Grimassen. Die Erkrankung schritt weiter fort, die Spasmen breiteten sich auf die Stimm- und Sprechorgane aus; diese junge Person hörte man bizarre Schreie und Worte ausstoßen, die überhaupt keinen Sinn ergaben, aber alles ohne daß ein Delirium vorgelegen hätte, ohne irgendeine geistig-seelische Störung. Monate und Jahre gingen vorbei, ohne daß der Zustand sich wesentlich veränderte und man hatte die Hoffnung, daß die herannahende Pubertät vorteilhafte Veränderung bringen würde. Diese Hoffnung wurde aber vollends enttäuscht. 

Auf Anraten eines Arztes, der sich auf die Behandlung von Nervenleiden vor allem mit Hilfe einer Milchkur spezialisiert hatte, wurde die junge Frau in die Schweiz geschickt. Ob es tatsächlich der Effekt dieser Bäder war oder der glückliche Einfluß des Urlaubes oder des Berglebens, die Erkrankung verschwand fast vollständig; und dann, nach einem Jahr, verließ die junge Frau die Schweiz und kehrte ruhig sowie mit strahlender Frische zurück und zeigte nur einige kleinere aber sehr seltene Zuckungen im Bereich des Mundes und des Halses. Zu der Zeit verheiratete sie sich. Man hoffte, daß dadurch die erreichte Gesundung sich stabilisieren würde. Stattdessen kam die Erkrankung mit der Heirat sehr schnell wieder. Es ist wahr, daß Frau von D., die niemals ein Kind haben konnte, sich der vorteilhaften Möglichkeiten beraubt sah, die ihr die körperlichen und gefühlsmäßigen Veränderungen, die üblicherweise mit einer Schwangerschaft verbunden sind, hätten bringen können. Sei es wie es sei, die krampfhafte Störung dauerte nunmehr 18 Jahre, wenn man einmal diese 18-20 Monate der Besserung ausnahm, und sie schien nicht über die Zeit abzunehmen, sondern im Gegenteil, von neuem stärker zu werden. Hier ist der aktuelle Stand der Dinge: Die spasmenartigen Kontraktionen sind stetig vorhanden, kommen dicht nacheinander, und sind lediglich durch kurze Intervalle von einigen Minuten unterbrochen; manchmal sind die Ruhepausen länger, ein andermal kürzer und es kommt oft vor, daß zwei oder drei Kontraktionen ohne Erholungspause aufeinander folgen. Sie betreffen vor allem die Pronatormuskeln des Vorderarmes, die Fingermuskeln und die Muskeln des Gesichtes und die, die für Lautäußerung und Artikulation zuständig sind. (Pronation: 1. Drehbewegungen des Unterarms, so daß der Handrücken nach oben kommt, 2. Hebung des äußeren bzw. Senkung des inneren Fußrandes/Roche Lexikon Medizin - Anmerkung des Textbearbeiters).

Unter den kontinuierlichen und zerfahrenen Bewegungen, die diese merkwürdigen Kontraktionen hervorrufen, wollen wir unsere Aufmerksamkeit auf die lenken, die mit den Organen für Stimme und Sprechen zu tun haben, um ein sehr seltenes Phänomen darzustellen und eine der unangenehmsten Begleiterscheinungen aufzuzeigen, die eine Person betreffen kann, der zwar alle Reize der Gesellschaft offen stehen, der aber das Leiden, das sie mit sich herumträgt, all diese Möglichkeiten nehmen kann. So kann es vorkommen, daß mitten in einer Unterhaltung, die sie besonders lebhaft interessiert, plötzlich, und ohne daß sie sich davor schützen kann, sie das unterbricht, was sie gerade sagt oder wobei sie gerade zuhört und zwar durch bizarre Schreie und durch Worte, die sehr außergewöhnlich sind und die einen beklagenswerten Kontrast mit ihrem Erscheinungsbild und ihren vornehmen Manieren darstellen; die Worte sind meistens grobschlächtig, die Aussagen obszön und, was für sie und die Zuhörer nicht minder lästig ist, die Ausdrucksweisen sind sehr grob, ungeschliffen oder beinhalten wenig vorteilhafte Meinungen über einige der in der Gesellschaft anwesenden Personen. Die Erklärung, die sie selbst gibt, erscheint am meisten plausibel. Sie sagt, daß ihre Zunge in diesen Zuckungszuständen sich auf diese unpassenden Äußerungen abzustimmen habe. Je mehr diese durch ihre Grobheiten revoltierend erschienen, je mehr sei sie durch die Angst aufgewühlt, sie hervorstoßen zu müssen, und dieser innere Druck sei genau das, wodurch die Äußerungen quasi auf die Zunge gesetzt würden, wenn sie fast nicht mehr zu meistern seien.

Ihr genereller Gesundheitszustand schien sehr deutlich die Nachwirkungen ihrer langen krampfartigen Störung zu spüren, was ein stetiger Gewichtsverlust und die Blässe ihres Teints belegen, obwohl die Verdauungsfunktionen nicht nennenswert beeinträchtigt waren.

Der Einfluß der Erkrankung auf den Stimmungszustand ist noch deutlicher markiert und man beobachtet hier wie bei allen langanhaltenden Neurosen eine starke Auflockerung der Gedanken und eine Leichtigkeit des Geistes und Charakters, die im allgemeinen nur in der frühen Kindheit auftritt und hier sogar den Veränderungen durch das Altern widersteht.

Beobachtung/Fallbeschreibung I. - Zweiter Teil
Übersetzung Prof. Dr. A. Rothenberger


Herr Prof. Charcot hat diese Kranke mehrfach wiedergesehen, die bis in das vorgerückte Alter ihre motorischen Koordinationsstörungen beibehalten hat und selbst an öffentlichen Orten gegen ihren Willen obszöne Worte aussprach, so daß Herr Charcot davon auch Zeuge geworden ist. Zu guter Letzt berichteten die politischen Zeitungen über ihren Tod in den Monaten Juli oder August 1884 und einige dieser Zeitungen druckten für ihre Leser eine Liste von obszönen Wörtern ab, die sie ausgesprochen hatte und bei denen es sich insbesondere um >Scheiße< und >Dreckschwein< handelte.

Text entnommen: >Wenn Kinder Tics entwickeln< von Prof. Dr. Rothenberger - Fischer Verlag
Herzlichen Dank an Prof. Dr. Rothenberger für die Überlassung des übersetzten Textes.


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