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Originalarbeit von Gilles De La Tourette - Fall I - Einleitung

V o r w o r t

von Hermann Krämer

Es ist den sensiblen und differenzierten Beobachtungen des französischen Neurologen Dr. Gilles de la Tourette zu verdanken und seinem besonderen Interesse für Menschen mit Tic-Erkrankungen, daß im Januar 1885 diese Studie über 9 Fälle (Observations/Beobachtungen I. - IX.) zusammen mit einer Reihe von anderen neurologischen Themen verschiedener Autoren im 9. Band der >Revue des maladies nerveuses et mentales< im >Archives de Neurologie< publiziert werden konnte. 

Die Übersetzung der 9 Fallbeschreibungen (Seiten 24-42 und 158-161), die Anmerkungen von Dr. Tourette in der Einleitung und in den Nachbetrachtungen machen deutlich, daß es in jener Zeit erhebliche Schwierigkeiten bei der exakten diagnostischen Zuordnung von neurologischen Erkrankungen gab, deren Hauptsymptomatik motorische Koordinationsstörungen waren. Vielfach bestand die Tendenz, den größeren Teil der Störungen dieser Art unter dem Sammelbegriff >Chorea< (gr. choreia: Reigen, Tanz) zusammenzufassen, auch wenn sie nur mit einigen Symptomen Parallelen zur Chorea aufzeigten. 

Im Jahre 1818 berichtete BOUTEILLE in seiner >Behandlung der Chorea< (Traité de la Chorée) über die Existenz von Erkrankungen, die nur in Teilbereichen Ähnlichkeiten mit der Chorea aufwiesen und die er deswegen als >Pseudo-Chorea< oder >falsche Chorea< (pseudo-chorées oder chorées fausses) bezeichnete. Aus diesem Komplex kommen die Erkrankungen, deren Untersuchung Gilles de la Tourette in seiner Studie vorstellte. 

>>Die choreatischen Erkrankungen sind eine Gruppe extrapyramidaler Bewegungsstörungen mit unwillkürlichen, unphysiologisch-arrhythmischen, schnellen Kontraktionen von Muskel(gruppe)n 
in fast allen Körperregionen unter anderem mit Grimassieren, verbunden mit Muskeltonusverminderungen evtl. auch mit Reflexabschwächungen<< (Roche Lexikon Medizin). 

Durch ein Defizit an neurologischem Wissen war zur Zeit von BOUTEILLE die Verwechslung der Chorea und Ticstörungen, die wir heute eindeutig den Tourette-Erkrankungen zurechnen würden, durchaus denkbar, doch nach 1818 wurden in der Diagnostik deutliche Fortschritte erzielt, die es ermöglichten, die Chorea mehr und mehr auf ein bestimmtes Erscheinungsbild einzugrenzen.

In der heutigen Zeit sind die Krankheitsverläufe der choreatischen Erkrankungen gut erforscht, und die verschiedenen Formen wie z. B. >Chorea electrica<, >Chorea fibrillaris< oder >Chorea hereditaria< etc. und deren Unterscheidung von anderen motorischen Störungen dürfte für den erfahrenen Diagnostiker kein Problem mehr darstellen.

Bei der Ausarbeitung seiner Studie konnte Dr. Tourette auf Veröffentlichungen von ITARD, ROTH, SANDRAS und TROUSSEAU zurückgreifen. Ebenso wie die vorgenannten Autoren berichteten auch aus anderen Ländern BEARD, O'BRIEN und HAMMOND von Menschen mit motorischen und vokalen Tic-Äußerungen, doch sollte es Gilles de la Tourette vorbehalten sein, die vielfältigen Symptomschilderungen als Ausdruck ein und derselben Krankheit, des später nach ihm benannten Tourette-Syndroms, zu erkennen. 

Dr. Georges Gilles de la Tourette beginnt seine Studie (Observation I) in der 'Revue des maladies nerveuses et mentales' mit einer Fallbeschreibung von ITARD aus dem Jahre 1825, die in: 'Memoire sur quelques fonctions involontaires des appareils de la locomotion, de la préhension et de la voix' (Bericht über einige unwillkürliche Funktionen des Bewegungsapparats, des Zugreifens sowie der Stimme - Archives générales de la médecine, t. VIII, Observation X, p. 403-405) [1825] veröffentlicht wurde.

Nach der Fallbeschreibung I macht Gilles de la Tourette in einem kurzen zweiten Teil noch einige abschließende Bemerkungen zu der zuvor beschriebenen Patientin.


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