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Englische Version dieses Textes/ English Version of this text

Georges Gilles de la Tourette

L e b e n   u n d   W e r k

von Hermann Krämer

Georges Albert Edouard Brutus Gilles de la Tourette wurde am 30. Oktober 1857 in Saint-Gervais-les-Trois-Clochers im Departement Vienne geboren. In diesem kleinen Dorf, unweit von Loudun gelegen, beginnt das Leben dieses außergewöhnlichen Menschen und späteren Neurologen, der durch das nach ihm benannte Tourette-Syndrom in der ganzen Welt bekannt werden sollte.

Gilles war das älteste von vier Kindern, sein Vater Théodore übte den Beruf eines Kaufmanns aus. Er wurde in eine Familie hineingeboren, die sich rühmen durfte, bereits viele Ärzte und Gelehrte hervorgebracht zu haben. Über die frühe Kindheit von Gilles de la Tourette ist nur wenig überliefert. Seine Ausbildung beginnt er in der Internatsschule von Chatellerault, wo er als außerordentlich begabter, gleichzeitig jedoch auch als sehr unruhiger und aufsässiger Schüler auffiel, der sich im Unterricht oft langweilte und in einem Jahr zwei Jahresabschlussprüfungen ablegte, um seine zweifellos beträchtlichen Energien in sinnvolle Bahnen zu lenken.

Nachdem er sein Abitur vorzeitig bestanden hatte, begann er bereits im Alter von 16 Jahren seine Studien an der Medizinischen Fakultät von Poitiers, die er mit überaus großem Erfolg abschließen konnte. Im Jahre 1881 begab er sich nach Paris, um seine medizinische Ausbildung fortzusetzen. Paul le Gendre, ein Freund von Gilles, beschrieb ihn zu jener Zeit folgendermaßen: »Er war ein geselliger, umgänglicher Mensch, der sehr gut reden konnte; seine Stimme war laut, rauh und ein wenig heiser, und er war sehr temperamentvoll, mitunter aufbrausend und konnte sehr ungeduldig sein. In Diskussionen explodierte er schon beim ersten Widerspruch und selbst die große Anzahl von Gegnern seiner Darlegungen reichte nicht aus, um ihn zu zügeln und zu mäßigen, und er war selbst aus den lautesten und hitzigsten Diskussionen mühelos herauszuhören.«

Gilles absolvierte problemlos sein Studium an der renommierten Universitätsklinik Salpêtrière, und danach widmete er sich häufig auch seinen Neigungen und Aktivitäten fern der Medizin. Begeistert von Literatur und Kunst, hatte er viele Beziehungen zum Künstlermilieu, öffnete sich vielen neuen Ideen und nahm an literarischen Diskussionen teil.

Entscheidende Einflüsse auf seine Karriere hatten Paul Brouardel, Professor für Rechtsmedizin und Jean Martin Charcot, Arzt am berühmten Pariser Krankenhaus Salpêtrière und Professor für Pathologische Anatomie an der Medizinischen Fakultät der Sorbonne. Die frühesten Inspirationen empfing er jedoch von Théophraste Renaudot, einem vielseitig talentierten Arzt aus Loudun (lebte zur Zeit Ludwig XIII), der sich sehr für arme und kranke Menschen einsetzte, indem er einen öffentlichen Sozial- und Gesundheitsdienst aufbaute und kostenlose medizinische Beratungen und Untersuchungen organisierte. Renaudot (1586-1653) war rastlos und unermüdlich in seinem Bemühen, die allgemeine Situation der Armen und ihre medizinische Versorgung zu verbessern, und Gilles de la Tourette war so sehr beeindruckt von seinem Wirken, daß er eine interessante Biographie über ihn schrieb mit der Absicht, eine größere öffentliche Anerkennung für sein Lebenswerk zu erreichen.

Nach verschiedenen Studienabschnitten wurde Gilles 1884 Assistenzarzt von Charcot, wodurch er von diesem Tag an seine Berufung gefunden hatte. Jean Martin Charcot (1825-1893) hatte zu jener Zeit bereits seine Studien über die Hysterie und den Hypnotismus begonnen, und die Salpêtrière war ein Zentrum intensiver Forschung. Die Vorlesungen von Charcot wurden regelmäßig in der Landespresse besprochen, und die Vortragsorte waren angefüllt mit Künstlern, Literaten und Ärzten. In diesem Umfeld begeisterte sich Gilles immer mehr für die Neuropathologie, und das Studium der Hysterie und des Hypnotismus wurde fortan zu seinem Lebensinhalt. Trotzdem fand er noch genügend Zeit, sich einer Vielzahl anderer neurologischer Spezialgebiete zu widmen.

Ein wesentlicher Teil der Arbeit von Gilles de la Tourette, der mittlerweile Chefarzt bei Charcot war, bestand darin, Patienten gründlich einzuweisen und vorzubereiten, so daß sie für spätere »Vorführungen« in der Öffentlichkeit durch den »Meister« eingeübt und bereit waren.

Während dieses Zeitabschnitts intensivster klinischer Forschung veröffentlichte Gilles 16 Beiträge über die Hysterie. Der Begriff der Hysterie wurde damals wie ein Abfallkorb benutzt, in den man all das hineinbeförderte, was nicht klassifiziert werden konnte. Eine weitere Publikation von Dr. Tourette zu dieser Thematik (3 Bände), in der er bis ins kleinste Detail seine eigenen und die Vorstellungen von Charcot darlegte, konnte allerdings keine große wissenschaftliche Bedeutung erlangen.

Nachdem sich Jean Martin Charcot viele Jahre intensiv mit neurologischen Erkrankungen beschäftigt hatte, wurde er 1881/82 auf den speziell für ihn geschaffenen »Chaire de clinique des maladies nerveuses« berufen und damit zum ersten Lehrstuhlinhaber für Neurologie überhaupt. Viele Ärzte aus ganz Europa kamen nach Paris, um sich bei ihm weiterzubilden und selbst Sigmund Freud hospitierte 1885/86 bei ihm.

Im Jahre 1885 wurde Tourette auch noch Assistenzarzt von Brouardel. Die beiden verstanden sich auf Anhieb blendend und arbeiteten sehr gut zusammen, so daß Gilles bald den Kurs in forensischer Medizin als Lehrauftrag auf Dauer erhielt, wo er als extrovertierter Dozent richtiggehend aufblühte.

Das Jahr 1885 hat für die beginnende Erforschung des Tourette-Syndroms große Bedeutung, doch zuvor hatte 1825 schon Itard erstmals in medizinischer Sprache das auffällige Verhalten der Marquise de Dampierre beschrieben, die bereits im Alter von sieben Jahren merkwürdige Körperbewegungen ausführte und eigenartige Laute sowie obszöne Äußerungen von sich zu geben begann (Mémoire sur quelques fonctions involontaires des appareils de la locomotion, de la préhension et de la voix - Archives générales de la médecine, t. VIII, Observation X, p. 403-405) [1825].

Itard, ein französischer Arzt und Pädagoge (1774-1838), wurde bekannt durch seine auf der Schulung der Sinne basierenden Erziehungsmethodik für geistig behinderte Kinder, aber vor allem durch die geduldige und hartnäckige Erziehung des »wilden Kindes« aus dem Aveyron, welches er im Institut für Taubstumme aufnahm. Er verfasste zwei Berichte darüber, die die wissenschaftlichen Kreise jener Epoche begeisterten.

Jean Étienne Marie Gaspard Itard60 Jahre später veröffentlichte Gilles de la Tourette im Archiv für Neurologie eine Studie über »Ein Nervenleiden, das gekennzeichnet ist durch motorische Inkoordination in Begleitung von Echolalie und Koprolalie.« (Originaltitel der Studie in französischer Spache: Étude sur une affection nerveuse caracterisée par l'incoordination motrice accompagnée d'écholalie et de coprolalie, Archive de la Neurologie, [Paris] 9, 1885, 19-42 et 158-200). In dieser Publikation beschrieb Dr. Tourette die Erkrankung der Marquise de Dampierre und acht weitere ähnliche Fälle und bezeichnete diese neurologische Störung als »Maladie des Tics«.

Interessant ist, dass Gilles de la Tourette 1884 nach London gereist ist und diese Fälle mit John Hughlings Jackson (Nervenarzt am London Hospital) diskutierte, der seinen Aussagen zufolge niemals vorher Erkrankungen dieser Art beobachtet hatte. Auf jeden Fall ist bei dieser Geschichte die Tatsache schon kurios, daß Dr. Jackson noch im gleichen Jahr (1884) einen identischen Fall in den »Klinischen Vorträgen und Berichten an das London Hospital« schilderte.

Seit 1881 hatte sich Dr. Tourette einigen Quellen zufolge intensiv mit der Untersuchung verschiedener motorischer Störungen beschäftigt, und in der Tat war er der erste, der die komplexen und symptomreichen Äußerungen des später nach ihm benannten »Tourette-Syndroms« in einen Zusammenhang stellte.

Im Jahre 1886 wurde die Doktorarbeit von Gilles de la Tourette wegen der Methode, Fußformen bzw. Fußabdrücke von Patienten zur Diagnose eventuell vorliegender Nervenerkrankungen heranzuziehen, ausgezeichnet, im darauffolgenden Jahr erhielt er dafür den Godard-Preis. Im Jahre 1887 heiratete er Marie Detrois, seine um zehn Jahre jüngere Cousine, mit der zusammen er zwei Söhne und zwei Töchter haben sollte. Im gleichen Jahr wurde er zum Klinikchef unter Charcot ernannt, ein Arbeitsbereich der alle seine zweifellos beträchtlichen Energien beanspruchen sollte. Die Aufgaben für ihn lagen in der Überwachung und Leitung diverser Klinikstationen, in der Entwicklung und Durchführung von Therapiemaßnahmen, wo diese angezeigt und geeignet schienen, sowie in der Unterrichtung der Medizinstudenten. All diesen Aufgaben und Verpflichtungen wurde er mit Autorität und Selbstvertrauen gerecht, wobei er einen Eifer an den Tag legte, der außerhalb der Grenzen der Normalität lag; zusätzlich verwendete er noch viel Zeit dafür, einen Artikel nach dem anderen in medizinischen Fachzeitschriften zu veröffentlichen.

Dr. Tourette hat sich auch sehr ausführlich mit der Epilepsie beschäftigt. Die Ergebnisse seiner Forschungen dazu publizierte er in Verbindung mit Einschätzungen von Charcot in einem kleinen Band mit dem Titel »Die praktische Behandlung der Epilepsie« (Actualités médicales, 1900). In einer weiteren Veröffentlichung widmete er sich der »Neurasthenie«. Ein zusätzlicher Beweis für seine breitgefächerten Interessen und Forschungen zeigte sich in der Erfindung eines batteriebetriebenen Vibrationshelms, mit dem er Gesichtsneuralgien und Schwindelanfälle behandelte.

Aus den verschiedenen Quellen zu seinem Leben ergeben sich Hinweise auf eine beeindruckende Zahl von Aktivitäten, und es stellt sich unweigerlich die Frage, woher dieser Mann die Kraft dazu nahm, und ob er sich noch genügend Ruhe und Entspannung gönnte.

Um sich von seinen rein medizinischen Arbeiten zu erholen, arbeitete er als seriöser, wissenschaftlicher Korrespondent und Literaturkritiker bei der literarischen Wochenzeitschrift »La Revue Hébdomadaire«.

Was seine Karriere anbelangt, so wollte es trotz der vollen Unterstützung durch Charcot nicht so recht vorwärts gehen. Das lag unter anderem daran, daß er sich um Fragen und Problemstellungen, die ihn nicht interessierten, einfach nicht kümmerte und dadurch über ein »extrem gefiltertes und verengtes, ja einseitiges Wissen verfügte« (Dr. Lees - Gilles de la Tourette - The Man and his Times). Sein Freund Paul le Gendre berichtet davon in ähnlicher Weise: »Gilles, der vollständig in Anspruch genommen war vom Studium der Nervenkrankheiten, hatte zwangsläufig Wissenslücken in anderen Gebieten der Pathologie und eine ungenügende Praxis bei bestimmten klinischen Fällen.« Für eine Beförderung hinderlich war auch seine offene und kritische Art, mit der er sich im Laufe der Jahre nur wenig Freunde erworben hatte. Im Jahre 1892 wurde er gemeinsam mit Babinski (frz. Neurologe) für eine Dozentenstelle vorgeschlagen, doch beide wurden zu Gunsten eines anderen Kandidaten »aussortiert«. In dieser für ihn bedeutungsvollen Zeit hielt er als reguläre Lehrkraft und als Chefarzt Vorlesungen und bot Vorführungen an. Im Laufe der Jahre entwickelte er mehr Ruhe und Gelassenheit und für die begeisternde Art und Weise, seinen Unterricht zu gestalten, erfuhr er sehr viel Anerkennung.

Dr. Lees (London) beschreibt Gilles de la Tourette als eigentümliche und außergewöhnliche Persönlichkeit, fasziniert vom Studium exzentrischer Menschen. 1893 berichtete Gilles in der Fachzeitschrift »Le Progrès Medical« über den Fall des »monomanischen Tänzers«. Nachfolgend die entsprechende Textpassage: »Dieser bemerkenswerte Zeitgenosse besuchte regelmäßig das Moulin Rouge und konnte in der Nacht, sich mit den Massen auf den Straßen vermischend, sauber und adrett gekleidet und mit einer Blume in einem Knopfloch versehen, gesehen werden, wie er rasend und fanatisch versuchte, durch wilde Armbewegungen und durch das plötzliche Hochziehen seines Hutes an das Ende seines Spazierstocks, die Aufmerksamkeit der Leute auf sich zu ziehen. Er soll dann im Moulin Rouge mit Unterbrechungen von einem Ende zum anderen gerannt und wild auf der Bühne umher gesprungen sein, wobei er von der das Ganze ironisch kommentierenden Menge angefeuert wurde, und soll dann, sobald die Musik aufhörte, sich wieder anonym mit der Masse vermischt haben, um danach die ganze Darbietung immer wieder aufs neue zu wiederholen.«

Viele Besucher sagten, er sei ein »Verrückter« und ließen ihn bei seinem Tun und Treiben unbehelligt, da sie ihn als harmlos und ungefährlich kannten.

Dr. Tourette befragte diesen Mann ausführlich und unter wissenschaftlichen Kriterien und schrieb einen Bericht über seinen geistigen Zustand.

Es gäbe noch viele Anekdoten aus dem Leben von Gilles zu erzählen. Eine etwas unschöne Geschichte rankt sich um Léon Daudet, einen Medizinstudenten aus jener Zeit, der auf Gilles überhaupt nicht gut zu sprechen war und sich wie folgt äußerte: »Er ist hässlich wie ein Götzenbild aus Papua mit aufgesteckten Haarbündeln auf dem Kopf und hat einen arglistigen, boshaften Verstand etc.« Wie es zu dieser persönlichen Abneigung kam, geht aus den vorhandenen Quellen nicht hervor.

Gilles de la Tourette beschrieb sich selbst einmal als »hässlich wie eine Laus, aber sehr intelligent«. (Über Schönheit läßt sich trefflich streiten; Anmerkung des Verfassers).

Tourette war ein häufiger Gast im Hause Charcot und wohnte regelmäßig den dort stattfindenden Dienstagabend-Soireen bei. An diesen Abenden war es streng verboten, über Medizin zu sprechen. Hier traf er mit vielen Pariser Persönlichkeiten zusammen, darunter Alphonse Daudet, Maupassant und beispielsweise Dom Pedro, den letzten Kaiser Brasiliens (1889 vom Thron gestürzt, mußte er das Land verlassen).

1893 sollte ein schweres und trauriges Jahr werden. Gilles verlor seinen Sohn Jean, der an den Folgen einer Gehirnhautentzündung starb. Im gleichen Jahr muß er noch den Verlust seines Mentors Jean Martin Charcot hinnehmen; bei einem Ausflug nach Le Morvan stirbt sein Freund und Förderer an einem akuten Lungenödem.


Behandlungszimmer von Dr. Gilles de la Tourette
in der Rue l'Université 39 in Paris

Doch noch ein weiteres Unglück ereignete sich in jenem Jahr 1893. Gilles wurde in seiner Wohnung in der Rue de l'Université 39 von einer jungen Frau niedergeschossen, die in der Salpêtrière seine Patientin gewesen war und die behauptete, gegen ihren Willen hypnotisiert worden zu sein und dadurch ihre geistige Gesundheit verloren zu haben. In den Ausführungen von Dr. Lees wird der Hergang dieses Vorfalls wie folgt geschildert:

»Am frühen Abend des 6. Dezember 1893 betrat eine schwarz gekleidete junge Frau den Vorhof des Hauses in der Rue de l'Université 39, dem Amtssitz von Charles Risler, seines Zeichens Major des 7. Arrondissements, und läutete die Türklingel der Wohnung von Dr. Tourette, die sich im Erdgeschoss befand. Der Kammerdiener des Arztes öffnete ihr und unterrichtete sie darüber, daß Dr. Tourette außer Haus sei. Sie gab an, auf ihn warten zu wollen. Nach einer Viertelstunde kehrte Gilles vom Hospital Cochin zurück, wo er sich einen Patienten angeschaut hatte, und wurde sodann informiert, daß eine Frau auf ihn warte, die ihn sehen und sprechen wolle.

Sobald sie Dr. Tourette erblickte, erhob sie sich von ihrem Stuhl und folgte ihm in sein Behandlungszimmer. Dort zeigte sie ihm ein Blatt Papier mit drei Namen »Rochas, Luys und Charcot« und bettelte ihn um 50 Francs an mit der Beteuerung, daß die Ärzte in der Salpêtrière sie in den Ruin getrieben hätten. Gilles de la Tourette realisierte, daß er eine kranke Frau vor sich hatte, lehnte höflich ab, bot ihr aber an, sie für eine Behandlung unter seiner Aufsicht zuzulassen.

Als sie darauf keine Antwort gab und er sich erhob, um zu gehen, schoss die erboste Frau plötzlich mit einem Revolver und traf Dr. Tourette in den Nacken (Paul le Gendre berichtet von drei Revolverschüssen, von denen einer Gilles im Kopfbereich verletzte). Danach setzte sie sich in der Diele nieder und machte keinerlei Anstalten zu fliehen, sondern sagte nur ruhig zu sich selbst: »Ich weiß, daß das, was ich gerade getan habe, falsch ist, aber es war notwendig und nun bin ich glücklich und zufrieden. Wenigstens hat nun einer von denen für die anderen bezahlt.«

Nach ihrer Verhaftung ergaben die polizeilichen Ermittlungen, daß es sich um Rose Kamper, geb. Lecoq handelte. Sie war 30 Jahre alt und in Poissy geboren. Im Jahr 1889 war sie von ihrem Mann, einem Schweizer Frisör, geschieden worden. Rose Kamper war bereits mindestens zwei Jahre vor dem »Überfall« auf Gilles krank gewesen.

Einige Zeit vorher schon hatte sie Kontakt zu Herrn Rochas, dem Verwalter der Polytechnischen Schule, aufgenommen, um von ihm Geld zu erbetteln. Mit einiger Mühe war es ihm dann gelungen, sie zu überreden, sich in die Salpêtrière zu begeben und sich dort als freiwillige Patientin einweisen zu lassen. Dort wurde sie von Séglas untersucht, der paranoide Wahnvorstellungen bei ihr diagnostizierte. Nach ihrer Entlassung behauptete sie öffentlich, sie sei gegen ihren Willen hypnotisiert worden. Kurze Zeit darauf wurde sie in das Hospital St. Anne eingewiesen. Danach verbrachte sie noch eine geraume Zeit in der Salpêtrière und wurde von Falret betreut, der anmerkte: »Sie leidet an paranoiden Wahnvorstellungen mit häufigen auditiven und sensorischen Halluzinationen; sie glaubt, hypnotisiert worden zu sein und im Kontakt mit den Geistern der Menschen zu stehen, die sie einst hypnotisiert hätten. Diese Menschen gingen auf ihre Gedanken ein, und sie würde imaginäre Gespräche mit ihnen führen.«

Bei der polizeilichen Vernehmung nach ihrer Verhaftung in der Wohnung von Dr. Tourette machte Rose Kamper folgende Aussage, die die Hintergründe zu dieser Tat noch besser erkennen lassen: »In mir sind derzeit zwei verschiedene Personen, eine körperliche und eine geistige. Meine Gedanken gehören nicht mehr länger nur mir, sondern auch denjenigen, die mich besitzen. Während des Tages erlaubt mir mein Verstand, den Mächten zu widerstehen, die ohne mein Wissen in mich eindringen und von mir Besitz ergreifen, doch nachts werde ich überwältigt und um mich gegen diese Regungen und Erschütterungen zu verteidigen, habe ich mir vor zwei Monaten in der Rue de Rivoli diesen Revolver gekauft.«

Dieses »Attentat« auf Gilles de la Tourette beschäftigte noch einige Zeit die Tagespresse und die vom Magistrat mit der Untersuchung von Frau Kamper beauftragten Doktoren Brouardel und Ballet kamen zu der Diagnose, daß diese Frau an etwas litt, was man heute als paranoide Schizophrenie bezeichnen würde und folgerten daraus, dass Hypnose für keinen Teil ihrer Erkrankung die Ursache war. Aus diesem Grund wurde Rose Kamper als geisteskrank eingestuft und in das Hospital St. Anne zurückgebracht. Nach zwei Jahren wurde sie in die »Irrenanstalt« von Villejuif verlegt, und nachdem sie anschließend einen weiteren Mordanschlag auf eine Krankenschwester (Stich mit einer Gabel) verübt hatte, wurde sie in die Heilanstalt Asile de Breuty de Couronne in Charente gebracht, aus der sie 1910 entfliehen konnte.

Rose Kamper hatte damit gedroht, ihr Verbrechen an Gilles de la Tourette zu wiederholen und da der Polizeipräfektur die Gefahr, die von dieser geisteskranken Frau ausging, hinreichend bekannt war, wurde Dr. Tourette für seine Sprechstunden ein Sicherheitsbeamter angeboten. Weiterhin ist überliefert, daß sie sich zwar auf den Weg nach Paris gemacht hatte, in der Stadt selbst aber aus unbekannten Gründen nicht ankam (Paul le Gendre). Sie hatte wohl von ihrem Vorhaben abgelassen, denn von einer Wiederholung des Attentats bzw. dem Versuch wird nichts berichtet (Anm. d. Verfassers).

Ein Jahr später wurde sie von der Polizei aufgespürt; sie trug ihren Mädchennamen und arbeitete als Näherin, und da sich ihr geistiger Zustand stabilisiert hatte, wurde ihr erlaubt, in Freiheit zu leben. Im Jahre 1951 wurde sie dann jedoch wegen fortschreitender geistiger Zerrüttung zuerst in das Hospital St. Anne (Paris) eingeliefert und starb 1955 im Alter von 92 Jahren im Hospital von St. Rémy.

Die Schussverletzung am Hinterkopf von Gilles war glücklicherweise nur eine oberflächliche Fleischwunde. Der junge Chirurg Pierre Delbet konnte das Projektil mühelos entfernen. Nach kurzer Zeit war Dr. Tourette genesen und konnte sich wieder in seine Arbeit vertiefen. Im Jahre 1894 wurde er zum Professeur Agrégé, also zum Außerordentlichen Professor für Rechtsmedizin ernannt. Trotzdem widmete er sich weiterhin seinen neurologischen Forschungen und vervollständigte 1895 den dritten und vierten Band seines Werkes über Hysterie.

Dr. Tourette hatte längere Zeit angenommen, das »Tourette-Syndrom« würde bei den Betroffenen im späteren Leben zu schwerer geistiger Krankheit führen. Weitestgehend als ein Ergebnis des Einflusses seines Kollegen Guinon widerrief er diese Ansicht im Jahre 1899.

Durch die politische Unterstützung Bournevilles und seines alten Freundes Millerand aus dem Quartier Latin, der als revolutionärer Sozialist mittlerweile Mitglied des Parlaments geworden war, wurde Gilles zum Chefamtsarzt der Weltausstellung in Paris im Jahre 1900 ernannt, und obwohl sich die ersten Hinweise und Berichte auf seinen angegriffenen Gesundheitszustand finden lassen, erwies er sich als exzellenter Organisator und leitete den Aufbau eines ausgezeichneten Not- und Unfalldienstes. Als Zeichen der Dankbarkeit und Anerkennung für seinen Dienst wurde er mit dem Titel eines »Offiziers der Ehrenlegion« ausgezeichnet, und zu seinen Ehren wurde auch ein Bankett im Hotel Continental abgehalten. Kurze Zeit nach diesen Ehrungen jedoch begann sich seine Gesundheit unaufhaltsam zu verschlechtern. Er litt an Depressionen, weil er fürchtete, an Rückenmarksschwindsucht zu leiden (Tabes Dorsalis: Spätform der Syphilis). Während eines Vortrags im Odeon brach er zusammen und mußte nach Hause »getragen« werden.

Zu Beginn des Jahres 1901 war Gilles de la Tourette aus gesundheitlichen Gründen gezwungen, seine Anstellung im Krankenhaus aufzugeben. Bis zu diesem Zeitpunkt ergeben sich aus den vorhandenen Quellen keine exakten Hinweise auf die tatsächliche Erkrankung von Dr. Tourette.

Léon Daudet, der wie Guy de Maupassant und Jules de Goncourt an Neurosyphilis erkrankt war, schildert in seinem Buch »Devant la Douleur« (Im Angesicht des Schmerzes) äußerst lebendig seine Schmerzen und Nöte, die er durch diese Erkrankung durchleiden mußte. Er überlieferte in diesem Buch eine zufällige Begegnung mit Gilles de la Tourette, bei der sich dieser so merkwürdig verhalten hatte und, da ihm die Symptomatik dieser Erkrankung hinreichend bekannt war, für ihn kein Zweifel darin bestand, daß auch Tourette von den verheerenden Auswirkungen der Neurosyphilis betroffen war. Léon Daudet, der Medizin studiert hatte, lag mit seiner Einschätzung richtig, wie sich bald herausstellen sollte.

Die ersten Hinweise über den weiteren Verlauf des Lebens von Dr. Tourette finden sich in den »Rapports entre la psychiatrie suisse et la psychiatrie francaise« in den »Annales de Thérapeutique Psychiatrique« (1969) von Prof. Dr. Christian Müller, der von 1976-1987 Medizinischer Direktor der Klinik Cery (bei Lausanne/Schweiz) war. Hier nun die Übersetzung der betreffenden Passage aus dem französischen Originaltext: »Albert Mahaim (1867-1925), einer meiner Vorgänger am Lehrstuhl von Lausanne, mußte in Cery (Mahaim war hier Medizinischer Direktor von 1899-1925, Anm. d. Verf.) den armen Gilles de la Tourette empfangen, der unter progressiver Paralyse (Neurosyphilis) litt und ein paar Jahre später in unserer Klinik verstorben ist. Um einen Skandal zu verhindern - die Pariser Zeitungen sprachen damals schon von ihm als dem geisteskranken Psychiater - hatte ihm Jean Baptiste Charcot, der Sohn von Jean Martin Charcot, einen Erholungsaufenthalt in Luzern vorgeschlagen.«

Den weiteren Verlauf des Schicksals von Gilles de la Tourette und die näheren Umstände, die zum stationären Aufenthalt in der Klinik Cery führten, beschreibt Prof. Dr. Müller sehr eindrücklich in seinem Buch mit dem Titel »Wer hat die Geisteskranken von den Ketten befreit« (Skizzen zur Psychiatriegeschichte): »Für eine Aufnahme im Krankenhaus Cery lag ein Einweisungszeugnis des Arztes Jean Baptiste Charcot (1867-1936) vor. Darin wird dargelegt, daß Gilles seit zwei Jahren an melancholischen Anfällen leide und daß er sich suizidieren wollte, daß er in einen Zustand von manischer Expansivität mit Größenideen geraten sei. Die neurologischen Untersuchungen führen zur Diagnose progressive Paralyse, einer neurosyphilitischen Erkrankung.

Nachdem Gilles in seinem Hotel in Luzern angekommen war, verhielt er sich immer aufgeregter, er kaufte für 1500 Franken Spazierstöcke, entwendete Speisekarten und Zahnstocher. Jean Baptiste Charcot wurde um Hilfe gebeten, und - es ist schrecklich, dies zu erfahren - er spiegelte dem Kranken vor, ein berühmter Patient würde in Cery auf ihn warten und er müsse dorthin gehen, um ihn zu untersuchen.«

Am 28. Mai 1901 traf Gilles in Cery ein, aber dort wartete kein berühmter Patient auf ihn, sondern es war der Beginn seiner Zwangsinternierung, und er wurde mit Gewalt zurückgehalten, die Klinik wieder zu verlassen. Gilles war verzweifelt und niedergeschlagen und am 1. Juni sei er darüber so aufgeregt gewesen, daß man ihn in eine Zelle habe verlegen müssen.

»Für uns heute ist es leicht, diese Art und Weise zu verurteilen, die zu jener Zeit üblich war, und es erstaunt uns nicht, in Tourette's Krankenakte zu lesen, daß er sich massiv dagegen wehrte, als er sich bei uns interniert sah« (Prof. Dr. C. Müller).

Die so genannte Hirnsyphilis war um die Jahrhundertwende eine recht verbreitete Krankheit. Friedrich Nietzsche, der berühmte Philosoph, starb ebenfalls an den verheerenden Folgen der »progressiven Paralyse«, des Quartärstadiums der Syphilis.

Weshalb eine Klinik in der Schweiz ausgewählt wurde? Wir können ziemlich sicher annehmen, daß man dem armen Gilles einen Aufenthalt in einem Pariser Spital erparen und ihn vor der Neugierde der Boulevardpresse schützen wollte. Während seines erzwungenen Aufenthaltes in Cery richtete der unglückliche Gilles immer wieder empörte Briefe an die Sanitätsbehörden, an den Staatsanwalt und an den Direktor der Klinik und verlangte seine sofortige Entlassung.

Es ist erschütternd zu erfahren, wie der »grausame Zugriff« dieser Erkrankung einen geistig wachen und vitalen Menschen wie Gilles de la Tourette innerhalb von wenigen Jahren seiner mentalen Selbststeuerung beraubte (Anm. d. Verf.).

Syphilis ist durch die modernen Behandlungsmethoden mit Penicillin, Tetracyclinen oder Erythromyzin deutlich seltener geworden. Der Erreger dieser gefährlichen Geschlechtskrankheit ist das Treponema pallidum (1905 entdeckt von Schaudinn und Hoffmann); es vermag die gesunde Haut nicht zu durchdringen, sondern gelangt durch feinste Hautabschürfungen in den Körper. Die Ansteckung erfolgt meistens durch Geschlechtsverkehr (erworbene Syphilis) oder diaplazentar, das heißt, über den Mutterkuchen auf den Fetus durch die erkrankte und unzureichend behandelte Mutter (angeborene Syphilis). Die Gefahr anderer Übertragungswege, zum Beispiel durch Berühren von infizierten Gegenständen (Trink- oder Essgefäße) oder mittelbar durch Bluttransfusionen oder durch direkte Kontakte mit syphilitisch Erkrankten ist als sehr gering einzuschätzen und nach Auskunft eines befragten Neurologen liegt das Ansteckungsrisiko hier unter 1 %.

Die erworbene Syphilis (Syphilis acquisita) verläuft unbehandelt in vier Stadien. Das Primär- und Sekundärstadium wird als Frühsyphilis bezeichnet. Das Tertiärstadium der Syphilis (Spätsyphilis) tritt oft erst nach jahrelanger (etwa 5 Jahre) völlig erscheinungsfreier Zeit an Haut, Knochen oder inneren Organen auf, meist in Form geschwüriger Veränderungen. Im Quartärstadium der Syphilis (Neurosyphilis) kommt es zu einem bleibenden Ausfall im Zentralnervensystem. Die Syphiliserreger bewirken den Untergang grauer Hirnsubstanz (progressive Paralyse) und syphilitischen Befall des Rückenmarks (Tabes Dorsalis). (Brockhaus AG Mannheim)

Der Therapieerfolg ist abhängig vom Ausmaß der Gewebszerstörung. Ohne Behandlung ist der Verlauf rasch progredient (fortschreitend). Im Endstadium kommt es zu zentralen Lähmungen. Die Erkrankten sterben schwer dement und desorientiert im Marasmus (geistiger und körperlicher Kräfteverfall). (Poeck K. und Hacke W. - Neurologie, Springer-Verlag)

Dr. A. J. Lees, Neurologe am National Hospital for Nervous Diseases in London, erhielt von Prof. Dr. Müller Zugang zu einigen medizinischen Dokumenten, die noch einmal die Schwere der Erkrankung von Dr. Tourette deutlich machen. Die darin geschilderten Symptome lassen erahnen, welche Qualen er in den letzten Jahren seines Lebens durchleiden mußte: Megalomanie (Größenwahn), ataktischer Gang (Ataxie: Störung des geordneten Ablaufs und der Koordination von Muskelbewegungen), große und unbewegliche Pupillen, verwaschene Sprache etc. werden dort erwähnt.

Es stellt sich natürlich die Frage, wo Gilles de la Tourette sich infiziert haben könnte und ob er möglicherweise sexuelle Kontakte hatte, die in dieser Hinsicht ein Risiko darstellten. Auch die Möglichkeit der so genannten »honorigen Syphilisinfektion«, die bei Pathologen und Gynäkologen vor Einführung von Latexhandschuhen des öfteren vorkam, ist nicht ganz auszuschließen. Für beide Hypothesen lassen sich jedoch in den vorliegenden historischen Materialien keine Anhaltspunkte finden (Anmerkung d. Verfassers).

Gegen Ende der dreijährigen Unterbringung im Psychiatrischen Krankenhaus Cery wird er immer psychotischer, seine Rede ist inkohärent und er hat häufige Konvulsionen (konvulsiv: von Krämpfen geschüttelt, krampfhaft zuckend).

Dr. Georges Gilles de la Tourette stirbt am 22. Mai 1904 in der Klinik Cery in Anwesenheit seiner Familie, die während der gesamten Zeit seiner Erkrankung in der Schweiz geblieben war.

Seine Ehefrau Marie und seine drei Kinder (Jeanne, Madeleine und Francois) wohnten vom 4. November 1901 bis zum 15. August 1904 in Lausanne. Sie logierten zuerst im Hotel Beau-Séjour und wohnten danach in der Avenue des Alpes. Anschließend kehrten sie nach Paris zurück (Stadtarchiv Lausanne).

Nach seinem Tode wird Gilles de la Tourette nach Frankreich überführt und in Loudun im Familiengrab beigesetzt (Friedhofsverwaltung Loudun).

Das Psychiatrische Krankenhaus Cery vor den Toren von Lausanne besteht seit 1873 und liegt auf dem Gebiet der Gemeinde Prilly. Diese Einrichtung existiert bis heute und nennt sich »Cliniques psychiatriques et psychogériatriques universitaires Prilly/Lausanne«.

Der frühe Tod von Dr. Tourette löst unterschiedliche Reaktionen aus. Die allzu große Hingabe an Charcot wurde kritisiert und dessen Vermächtnis an die Klinische Neurologie auf die Zusammenfassung und Darstellung der Endphase von Charcot's Arbeit reduziert. Mit dieser Beurteilung würde man die vielfältigen Leistungen von Gilles unterbewerten und sein Wirken als herausragender akademischer Lehrer in ungenügendem Maße würdigen (Anmerkung des Verfassers). In einer Sitzung des Aufsichtsrats der Staatlichen Fürsorge am 2. Juni 1904 wird der Verlust des gerade mal 46-jährigen Gilles de la Tourette beklagt. Der Präsident erinnert in seiner Rede, daß sie durch den frühen Tod von Dr. Tourette einen der besten Mitarbeiter verloren haben. »Er hinterlässt an seinen Wirkungsstätten die Erinnerung an einen äußerst fleißigen und gewissenhaften Arzt« (einmütige Beifalls- und Zustimmungsbekundungen).

Es ist überliefert, daß er von seiner Familie und insbesondere von seinen Kindern sehr verehrt wurde, von denen das letzte - Jeanne - im Jahre 1979 verstarb. Eine besonders schöne Formulierung für seine Einstellung gegenüber seiner Familie und seinen Freunden ist in den Ausführungen von Paul le Gendre zu lesen: »Er wiederholte öfters, daß man denjenigen, die man liebe, Körper und Seele schulde und zwar immerwährend«.

Ein Leben voller Aktivitäten, Tatendrang und Begeisterung fand auf tragische Weise ein allzu frühes Ende. Das nach ihm benannte Tourette-Syndrom, das er als erster gründlich und gewissenhaft erforschte, trägt seinen schönen Namen und wird unsere Erinnerung an ihn wach halten.

Zur weiteren Entwicklung der Tourette-Forschung schreibt Paul Guilly, der »Ancien Chef de Clinique Neuro-Psychiatrique« à la Faculté Paris:

»Zwischen 1884 und 1965 wurden in der gesamten medizinischen Literatur lediglich 50 Fälle dieser Erkrankung beschrieben, so daß einige sogar mehr und mehr an der Existenz dieser Störung ihre Zweifel hatten. Der Name Gilles de la Tourette verschwand allmählich aus den meisten neurologischen und psychiatrischen Abhandlungen und aus den Nachschlagewerken für Medizin sowie den medizinhistorischen Büchern Frankreichs. Die Wissenschaftler, die sich in dieser Zeitspanne von 80 Jahren noch um die Erforschung des Tourette-Syndroms kümmerten, diskutierten etliche Thesen: verschiedene Arten cerebraler Degeneration sowie psychologische, psychoanalytische und psychosomatische Ursachen wurden vermutet.Vier New Yorker Wissenschaftler veröffentlichten 1978 ein sehr wichtiges Werk mit dem Titel »Gilles-de-la-Tourette-Syndrome«, in dem sie über 485 Fälle berichten. Außerdem beinhaltet diese Arbeit noch 250 Beschreibungen ihrer persönlichen Untersuchungsergebnisse und eine sehr sorgfältig ausgearbeitete Studie über 145 Patienten«.

Abschließend hierzu nochmal Dr. Lees: »Eine neue Generation amerikanischer Neurologen hat die Studie von Gilles de la Tourette voll anerkannt und gewürdigt und sieht in dieser Erkrankung das ideale Musterbeispiel für den Versuch, die Interaktion zwischen Gefühl und Bewegung zu ergründen. Dieses intensive Interesse an seiner Arbeit und der bemerkenswerte Erfolg der amerikanischen Tourette-Syndrome-Association würden Gilles de la Tourette zweifellos schmeicheln, wäre er heute noch unter uns anwesend.«

N a c h w o r t

Ich bedanke mich bei Jean-Jacques Eggler vom Stadtarchiv Lausanne und Madame Matthey von der Verwaltung des Psychiatrischen Krankenhauses Cery für die hilfreichen Informationen, die wesentlich dazu beigetragen haben, die letzten Jahre von Dr. Tourette in der Schweiz nachzuvollziehen, sowie Véronique Leroux-Hugon von der Bibliothek Charcot an der Salpêtrière in Paris für die Übersendung der Biographischen Notizen von Paul le Gendre.
Mein besonderer Dank noch an die Landesbibliothek von Rheinland-Pfalz in Speyer für die Beschaffung der äußerst aufschlussreichen Ausführungen von Dr. Lees (Neurologe, London).
Ich danke meiner Freundin Susanne für ihre Unterstützung in vielerlei Hinsicht. Sie teilt mein Interesse für die Erforschung von Gilles' Leben und übersetzte den umfangreichen Schriftverkehr mit Institutionen in Frankreich und in der Schweiz.

Q u e l l e n

Dr. A. J. Lees »Georges Gilles de la Tourette - The Man and his Times« Rev. Neurol. Paris 1986
Paul le Gendre »Gilles de la Tourette« Notices Biographiques vom 30.12.1904
Paul Guilly »Gilles de la Tourette« Historical Aspects of the Neuroscience, edited by F. Clifford Rose and W. F. Bynum 1981
Rapports entre la psychiatrie suisse et la psychiatrie francaise in den »Annales de Thérapeutique Psychiatrique« No. 4, 1969
Der Brockhaus - CD-Rom - Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG - Mannheim 1999
Poeck Klaus und Hacke Werner »Neurologie« (10. Auflage) Springer-Verlag Berlin 1998
W. U. Eckart und C. Gradmann »Ärztelexikon« (2. Auflage) Springer-Verlag Berlin 2001
C. Müller »Wer hat die Geisteskranken von den Ketten befreit« Psychiatrieverlag Bonn 1998
Abb. Portrait Gilles de la Tourette: Lavarenne (E. de), Gilles de la Tourette, Presse méd., 1904, ann. n° 45, p. 353-354, portr. 166 PER 11
Abb. Portrait Jean Étienne Marie Gaspard Itard: Die Weltwoche Nr. 27 vom 05. Juli 1990
Abb. Behandlungszimmer Dr. Tourette: Dr. A. J. Lees - Georges Gilles de la Tourette - The Man and his Times, Rev. Neurol. Paris 1986

copyright Hermann Krämer, 67346 Speyer am Rhein

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